Musikalische Weinprobe im Weingut Aufricht
am Samstag 12. Oktober 2019 um 19:00 Uhr

Atrium Friedrichshafen 2015

Schnieke wie die Königspinguine

Wenn es ganz bestimmt nicht schneit, dann ist wieder Weihnachtszeit – Männer und Tenöre machen sich breit und pfeifen auf Besinnlichkeit, zumindest, was die Texte angeht: Zwölf Jahre nach ihrer Gründung singen sie im ausverkauften Theater Atrium – eben dort, wo 2003 ihr allererstes Konzert stattfand. Von der Gründungsmannschaft ist mit Alexander Matt, Thomas Mentzel und Markus Stürzenhofecker noch die Hälfte an Bord. Im Lauf der Jahre runderneuert um Johannes Wargenau, Thomas Waldherr und Matthias Johler, haben die befrackten Herren auch inhaltlich neue Horizonte in den Blick genommen. Den Comedian Harmonists bleiben sie treu, aber hinzu kommen Lieder von den Wise Guys, 6-Zylinder und Max Raabe.

Trotzdem klingen MuT immer nach MuT – sechs wie von Loriot gezeichnete Kavaliere, die auch die neuesten Lieder der Comedian Harmonists-Urenkel ins Klangbild der Weimarer Republik zurückversetzen. ...

Egal was kommt, und sei es die Versuchung: diese Sechs wahren die Haltung eines frisch gebügelten Königspinguins. Geschmachtet wird mit Haltung: „Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille mein Verlangen“, wohllauten sie mit Worten von Jacques Offenbach – und bei allem ironischen Augenzwinkern, das gerade die formvollendete kragensteife Garderobe signalisiert, fehlt es doch keineswegs an anrührenden Momenten – gerade bei den alten Volksliedern, derer sich auch die Comedian Harmonists angenommen haben. Zuvorderst mit „Guter Mond, du gehst so stille“. Die stille Einkehr eines getöteten Traums spricht wiederum aus „Morgen muss ich fort von hier“....

Eines der größten Kabinettstücke von „Männer und Tenöre“ ist das Lied für Odol Mundwasser aus den 1930er-Jahren. MuT verwandeln einen trockenen Werbespruch in ein kühn geschichtetes Madrigal. ...

Ob auch die Angebetete dieser Zeilen sich wohl gerade mit Odol präpariert? „Lass dir beim Gurgeln in den Mund sehn / und deiner Seele auf den Grund gehn“. Nein, hier sind nicht die Wise Guys am Werk, sondern einmal mehr die Comedian Harmonists, deren Witz auch nach fast 80 Jahren noch immer unerhört frisch ist. Solche Zeilen haben es verdient, mit amourösen Offenbarungen belohnt zu werden: „Lass mich doch deine Wimpern pinseln / vor deinem Himmelbettchen winseln“. Eine Frau wird solches Bitten allein schon aus gebotener Klugheit erhören. Einen derart schnieken Bettvorleger kriegt sie schließlich nie wieder.

12-2015 Südkurier, Harald Ruppert